contemplation: aufgewacht – nachgedacht

Spenden-Neurose

Fromme Fußballer geraten in die Defensive

Fußball-Profis wie Marcelo Bordon, Ze Roberto und Lucio wollen im Namen Gottes Gutes tun. Doch ihr soziales Engagement ist in Verruf geraten: Ihnen wird vorgeworfen, Mannschaftskollegen zu bedrängen. Vor zwei Jahren untersagte die Fifa religiöse Botschaften im Stadion – doch die Christen unterlaufen das Verbot.

Der Brasilianer Marcelo Bordon könnte aus gutem Grund ein sozial engagierter Mensch genannt werden. Er spendet Geld für Hilfsprojekte und besucht an Wochenenden Jugendtreffs in Problemvierteln. Mit der Autorität des Kapitäns von Schalke 04 ermahnt der Abwehrrecke dort die Jugendlichen. Seine Botschaft: Es ist nicht cool, andere zu schlagen. Es ist cool, Opfern von Gewalttaten zu helfen.

Atheistenverbände und manche Medien sehen in dem Fußballprofi mit dem melancholischen Blick allerdings den Kopf einer antiaufklärerischen Verschwörung. Demzufolge würden gläubige Kicker aus Lateinamerika von eifernden Freikirchen nach Deutschland geschickt, um die Menschen zu einem radikalen Jesus-Glauben zu bekehren. Und das Schlimmste an dieser frommen Unterwanderung des Fußballs sei – ihr Erfolg.

Zumindest die letzte Feststellung dürfte stimmen. Seit in den 90er-Jahren die ersten gläubigen Spieler aus Brasilien in die Bundesliga kamen, hat sich hierzulande eine bis dahin unbekannte Liaison von Fußball und Frömmigkeit entfaltet. Bei acht Bundesligaklubs wurden Bibel- und Gebetskreise gegründet. Und rund 70 Fußballspieler und -trainer der beiden höchsten Ligen haben sich in dem Netzwerk „Saints of Football“ zusammengeschlossen, um sich gegenseitig im Glauben zu bestärken und ihr Gottvertrauen unter die Leute zu bringen. So produzierten die selbst ernannten Fußballheiligen ein Dutzend Bücher und Filme. In Interviews betonen sie ihre Hinwendung zu Gott und ihre Dankbarkeit. Organisiert wird das Netzwerk von dem persischstämmigen Kabarettisten und Filmemacher David Kadel, der als Jugendlicher selbst zum Glauben fand, weil sein Idol – Bayern-Star Jorghino – den gegnerischen Kapitänen Bibeln schenkte.

In dem Netzwerk gibt es inzwischen genauso viele Deutsche wie Brasilianer: von Hertha-Kapitän Arne Friedrich („Jesus macht mich stark“) bis hin zu Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp („Ich fühle mich geborgen in Gott“). Und die fromme Fußballprominenz ist nicht nur multinational, sondern glänzt auch mit ökumenischer Weite. So verbinden sich bei den „Saints of Football“ Evangelikale aller Art (Ze Roberto und Lucio) mit evangelischen Landeskirchlern (Jürgen Klopp), Katholiken (Markus Merk) und Mormonen (Schalke-Manager Andreas Müller).

Kritiker argwöhnen, die Sportler würden allzu eifrig für ihr Netzwerk werben und Mannschaftskollegen bedrängen. Auf Schalke hielten sich Gerüchte über Auseinandersetzungen mit Frank Rost und Ailton, die Bordon zu engagiert habe überzeugen wollen. Bordon selbst spricht lieber von „einem gewaltigen Projekt zur Steigerung der Lebensqualität“. Denn: Ob Todesfälle, Krebsdiagnose oder Karriere-Aus – meist sind es Lebenskrisen, die Fußballmillionäre zu Gott finden lassen.

In Verruf geriet auch das soziale Engagement der Gläubigen. Ihre Spendenbereitschaft wurde von Medien wie dem Magazin „Der Spiegel“ zu einer Art Neurose erklärt: Angeblich wollten sich pfingstlerische Christen wie Bordon durch ihre Spenden „das Heil erkaufen“. Sie führen ein Zehntel ihres Einkommens an die Kirche ab.

ASAMOAH FINANZIERT HERZOPERATIONEN

Bordon beharrt dagegen, dass er nur aus Gnade, nicht aus Spendenfreude von Gott geliebt werde. Und der Bund Deutscher Pfingstgemeinden beteuert, in der hiesigen Pfingstbewegung seien Lehren vom Erkaufen des Heils unbekannt. Von allzu argwöhnischen Kritikern wird obendrein unterschlagen, welchen Nutzen die Spendenaktionen der frommen Kicker haben. So gründete Schalke-Stürmer Gerald Asamoah eine Stiftung für herzkranke Kinder und bezahlt regelmäßig teure Herzoperationen. Bordon finanziert Lebensunterhalt und Ausbildung für mehr als 175 Straßenkinder aus Brasilien.

Werden Spenden, Spendenaufrufe und Benefizauftritte der „Saints of Football“ addiert, dürften die Sportler mehrere Millionen Euro pro Jahr gegen Armut und Leid einsetzen. Außerdem erschöpft sich ihr Engagement nicht in finanziellen Gaben. Stuttgarts Stürmer Cacau besucht wie Bordon persönlich Jugendtreffs, und die Fußballfrommen stoßen erstaunliche Diskussionen an – zum Beispiel um die Religionsfreiheit. So demonstrierten sie bis 2007 Spieltag für Spieltag, dass Gläubige ihre Überzeugungen ungern aufgeben, nur weil sie den Fußballplatz betreten – erst recht nicht, wenn es dort etwas zu feiern gibt. Und deshalb dankten sie nach Toren und Siegen stets ihrer höchsten Instanz: Gott. Sie lüfteten ihre Trikots und zeigten darunter T-Shirts mit Schriftzügen wie „Jesus ist der Herr“ oder „Gott sei gedankt!“. Doch während die beiden großen Kirchen die Bekenntnisfreude der Stars immer lauter als vorbildlich rühmten, beendete der internationale Fußballverband Fifa vor zwei Jahren diese Form des Glaubensbekenntnisses – und verbot religiöse Botschaften im Stadion. Bei Zuwiderhandlung drohen Geldstrafe und Spielverbot.

BORDON MIT TATTOO AUF DEM RÜCKEN

Aber christliche Ballsportler sind trotzig. Cacau, Ze Roberto & Co. murren seither immer wieder, es sei schizophren, vor und nach dem Spiel Jesus für das Wichtigste im Leben zu halten, aber auf dem Platz zum Neutrum zu mutieren. Und: Selbstverständlich unterlaufen sie das Verbot. Marcelo Bordon zum Beispiel ließ sich „Jesus ist meine Kraft“ auf den Rücken tätowieren. Nach dem Spiel wirft er nun sein Trikot ins Publikum und zeigt auf seinen beschrifteten Rücken.

Andere Stars rebellierten ähnlich robust und ließen sich Albrecht Dürers „Betende Hände“ als Tätowierung stechen. Ob die Kicker wissen, dass sie damit für eine offensive Auslegung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit plädieren? Dass sogar im Europaparlament über die Einschränkung ihrer Freiheit gestritten wird? Wer weiß. Jedenfalls bringen sie weit mehr in Bewegung als nur Fußbälle.

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